11
Mrz
2014

Selbstbild/Fremdbild

"Und, gehst Du heute nach der Arbeit noch schwimmen, Schatz?" fragte er, als sie Beide am Frühstückstisch saßen.
"Ach, das kommt drauf an ob ich noch genug Geld für den Eintritt im Portmonee habe" antwortete sie gähnend, in den dicken Flauschbademantel eingemummelt, den Teebecher in der Hand.
Er schmunzelte. "Du weißt schon, dass es so Dinger an der Wand von Banken gibt, wo man seine Karte einsteckt und Bargeld rauskommt, oder?"
"Jahaaa, schon klar." Sie streckte sich, stand auf, "aber da müsste ich dann vorher noch da vorbeifahren und das wär mir dann in Kombination damit, dass ich ja auch noch den ganzen Kram zusammensuchen und mit ins Büro nehmen müsste und so wieder zu blöd".

Er strich ihr übers Haar. "Na, also Du bist mir ja ne Sportlerin". Nun musste sie grinsen: "Sportlerin? Wer, ich? Seit wann bin ich denn bitte eine Sportlerin?"
"Och, ich weiß nicht" entgegnete er liebevoll, "vielleicht seitdem Du jede Woche mindestens 3 Mal irgendwas trainierst und neulich erst einen Halbmarathon gelaufen bist?"

"Oh, richtig", dachte sie, "da war ja was. Das muss wohl dieses Dings sein mit dem Bild, das man von sich selbst hat und dem, wie einen andere sehen".

Sie hörte ihn noch von oben rufen: "Falls Du nichts mehr im Portmonee hast - ich hab noch Bargeld, dann kannst Du schwimmen gehen und musst nicht vorher noch zur Bank".

28
Nov
2013

Bekloppte unter sich #1

Ihr Trompetenlehrer war eine der wenigen Menschen, mit dem sie über ihre beginnende Behandlung sprach; auch weil es so direkt ihre Fähigkeit zum Musizieren beeinflusste.
"Na, wie gehts denn so?" fragte er wie immer zu Beginn des Unterrichts, als sie ihr Instrument auspackte. "Ach ja", antwortete sie, "ist im Moment alles ein bisschen anstrengend. Die Therapie scheint in dem Sinne zu wirken, dass sie anfängt, Dinge ans Licht zu bringen. Das ist zwar positiv zu bewerten, denn begrabene Gefühle und Erinnerungen sind die Ursache meiner Probleme, aber es wühlt nunmal sehr auf. Genau gesagt habe ich letzte Woche fast jeden Abend geheult. Oder Alkohol getrunken. Manchmal beides zusammen. Deshalb wars mit dem Üben auch nicht so furchtbar produktiv".

"Hmm, verstehe", meinte er nachdenklich. Ein paar Sekunden schwiegen sie betreten. Dann hob er seinen Blick wieder, grinste und meinte: "Also machst Du quasi Weintherapie? Du weinst, oder Du trinkst Wein - manchmal beides zusammen". "Ja, genau" lachte sie und dachte für sich still im gleichen Moment: "das finden wohl nur die Leute komisch, die sowas selber schonmal durchgemacht haben". Sie war sehr froh, sich in dem Moment voll und ganz verstanden zu fühlen.

...

"Wollen wir mal gucken, wie weit Du mit dem Stück zu Hause gekommen bist?" fragte er. "Gerne" antwortete sie. Sie begannen, sich zusammen warm zu spielen.

3
Nov
2013

Beste Freundin

Viel war nicht geblieben nach 8 Jahren seit dem Ende ihrer Freundschaft und drei Umzügen. Eine kleine Stoffkatze, ein "Mini-me" des Katers der Freundin zierte immer noch die Ikealampe auf ihrem Schreibtisch. Ob der Kater, dieses verrückte Viech, das sein Wasser lieber aus dem Spülbecken als aus seinem Napf trank, ob er wohl noch bei ihr war und noch lebte?

Beim Ausmisten hatte sie eine alte Schachtel durchgesehen - aufbewahrt in einem Karton, der von der Freundin einmal als Geschenkkarton gestaltet und schön bemalt worden war. Dort fand sie einige Postkarten, in der typischen türkisen Tintenschrift beschrieben, mit "In Liebe" und "Deine Freundin" unterzeichnet. Ein einziges gemeinsames Foto war übriggeblieben, aufgenommen auf der Abiturfeier der Freundin, eine leider unscharfe Aufnahme, auf der sie in die Kamera lachten.

"Ich hätte mehr machen müssen" wurde ihr klar. Nachdem die Freundin nach einem Treffen nicht mehr auf Mails reagierte und auch nicht mehr ans Telefon ging, hatte sie es in verletztem Stolz nach ein paar Monaten einfach dabei belassen. Schließlich wohnte sie eh inzwischen weit weg, kam nur noch ein paar Mal im Jahr in ihre Heimatstadt, und es heißt ja schließlich so schön, dass man Reisende nicht aufhalten solle, nicht wahr?

Google hatte ihr schon vor längerer Zeit verraten, dass die Freundin inzwischen auch nicht mehr in der Heimatstadt lebte, sondern woanders offenbar Kunstgeschichte studierte. "Das passt gut", dachte sie, "sie war immer schon sehr begabt in dieser Richtung, da könnte sie wirklich erfolgreich sein. Ich würde es ihr so sehr wünschen!"

Sie ließ die langen Jahre der Freundschaft, in denen sie gemeinsam so viel zusammen durchgemacht hatten, Revue passieren. So viel war passiert, sie waren so vertraut miteinander gewesen. Vielleicht eine Bindung, wie man sie nur ein paar Mal im Leben zu einem anderen Menschen aufbaut?

"Ich hätte mehr machen müssen", dachte sie. "Ich hätte es eben NICHT einfach dabei belassen sollen. Ich hätte zu ihr fahren, klingeln sollen und notfalls so lange vor ihrer Haustür warten sollen, bis sie aufgemacht hätte und wir endlich geklärt hätten, was eigentlich los war, warum sie offenbar verletzt oder sauer war und sie um Verzeihung bitten können". Sie realisierte, wie sehr ihr die Freundin immer noch fehlte.

Sie wusste nicht, ob und was sie jetzt noch mit dieser Erkenntnis anfangen konnte. Ob es nach all den Jahren jetzt wirklich zu spät war.

2
Aug
2013

Durchlässig

Es gibt diese Tage, wo alle Sinne schärfer als sonst zu sein scheinen. Wo Musik bis ins Mark dringt und für kühle Schauer sorgt, wo frisch gemähtes Gras in der Sommersonne ein Duftfeuerwerk hervorruft, wo das Auge Schönheit in Ecken sieht, in denen man nie danach suchen würde. Wo man küsst wie nie zuvor, sehnt wie nie zuvor, liebt wie nie zuvor. Als hätte jemand den Sinnenregler plötzlich von zehn auf tausend aufgedreht.

Liebe zur reinen Existenz an sich, die unfassbare Freude, lebendig zu sein und die Welt erleben, erfassen, erfühlen zu dürfen.

2
Jul
2013

Die Katze

"Was ist denn jetzt los? Das macht das Viech doch sonst nie" dachte sie ein wenig genervt, als sie mit laufendem Motor vor ihrem Stellplatz stand, auf dem die Nachbarskatze lag. Normalerweise huschte eben diese Katze bei nahenden Autos immer schnell beiseite, doch jetzt sah sie auf mit einem Gesichtsausdruck, den man nur als hochnäsig bezeichnen konnte. "Ich geh hier unter keinen Umständen weg" sagte dieser Gesichtsausdruck, und so blieb die Katze dann auch stoisch liegen.

Also ließ sie den Motor kurz aufheulen. Nichts.

Sie ließ das Fenster herunter und rief "Katze! Würdest Du bitte mal zur Seite gehen?" Die Katze leckte sich desinteressiert das Pfötchen.

Sie hupte. Ein Todesblick der absoluten Verachtung traf sie.

Seufzend stelle sie den Motor ab, stieg aus, ging zur Katze und stellte sich tadelnd vor sie hin - worauf die Katze das Pfötchenlecken wieder aufnahm. Schließlich hob sie die Katze auf und trug sie ein paar Meter weg. Das nahm die Katze dann zum Anlass, ihr den Rücken zuzuwenden und mit kerzengrade hochgerecktem Schwanz wegzuschreiten.

"Ja, Du mich auch" dachte sie kopfschüttelnd angesichts dieser nur allzu deutlichen Botschaft.

Ein wenig später traf sie die Nachbarin von nebenan, der die Katze so halb gehörte - eigentlich gehörte sie den Nachbarn von gegenüber, aber wieso sollte sich die Katze mit einem Haus begnügen wenn sie zwei haben konnte? Und zusätzlich noch diese zwei neuen Menschen, bei denen sie zwar nicht ins Haus durfte und auch nichts zu fressen bekam, aber jeden Tag ausführliche Streicheleinheiten?

Jedenfalls kraulte die Nachbarin die Katze und sagte "ooohhh, bist Du immer noch sauer?" und dann zu ihr gewandt "wir waren vorgestern noch mit ihr beim Tierarzt, weil sie schlecht gefressen hat, aber sie war einfach nur traurig weil wir eine Woche in Urlaub waren. Ihr wart ja auch nicht da, und das hat ihr wohl aus Gemüt geschlagen. Jetzt frisst sie wieder normal, aber sie ist wohl noch etwas beleidigt".

Und so löste sich ihr Ärger über die somit erklärte Parkplatzepisode in Luft auf. Abends stellte sie das erste Mal überhaupt der Katze ein Tellerchen mit Thunfisch raus, als Wiedergutmachung.
"Jaja", dachte sie, "so fängt das wohl an. Noch ein Jahr und wir lassen sie ins Haus..."

13
Mai
2013

Praga caput regni

Die Stadt, die ihre Kronjuwelen nur zu besonderen Anlässen zeigt.

Die Stadt, wo die Europaflagge nur dann über dem Regierungssitz weht, wenn der Präsident nicht zu den EU-Skeptikern gehört.

Die Stadt mit den schönsten Durchsagen in der U-Bahn.

Die Stadt, in der die Miniröcke immer eine Handbreit kürzer sind.

Die Stadt, in der Spazierengehen selbst bei Regen ein Erlebnis ist.

23
Apr
2013

Laufen

Vivaldi, Massenet und Satie auf den Ohren. Erst zügig den Fluss entlang, dann den Hügel hoch durchs Feld in den duftenden Frühlingswald.

Falken kreisen, Spechte hämmern, eine Wühlmaus huscht über den Pfad und verschwindet im dichten Teppich der Buschwindröschen.

Immer im stetigen Schritt, gleichmäßig atmend. Sorgen, Hadern, alles Negative fällt nach und nach ab.

Übrig bleibt die Einsicht, die Hoffnung, die tröstende Gewissheit: "Alles ist gut".


...


Schade nur, dass so etwas Wundervolles, Meditatives für so viele Menschen synonym zu unangenehmer Quälerei ist.

17
Apr
2013

Kalte Sonne

Jetzt ist der da, der Frühling, und mit ihm wieder ein Familienbesuch. Anstrengend war es, anstrengend umgeben zu sein von Menschen, die einem nahe sein sollten und doch so fremd sind; deren Horizont so beschränkt erscheint und die sich in endlosen Sticheleien ergehen. Wie eine Horde Krähen, die aufeinander herumhackt. Und selber sitzt man hilflos abseits.

Warm war es auf dieser ganztägigen Feier, man saß zum Nachmittagskaffee sogar draußen in der Sonne, doch innerlich fror sie, ihr war kalt angesichts dieses Mangels an Wohlwollen, dieser ständig lauernden Kritik, der abschätzenden Blicke und des verstohlenen Lästerns übereinander. Da half auch das Treffen mit Herzensmenschen am Tag vorher nicht, nach einigen Stunden war der Vorrat an Nachsicht und Verständnis aufgebraucht; es kostete Kraft nicht einfach aufzustehen und zu brüllen "Ihr solltet Euch alle mal schämen, so bigott wie Ihr seid! Das ist unerträglich! Eure Negativität kotzt mich an."

Was auch fehlte, dachte sie als sie erschöpft im Auto saß, war der eine Herzensmensch. Sie wusste, dass er Recht hatte und Kontakt zwischen ihnen keinen Sinn mehr machen würde, dass es schlichtweg zu kompliziert war. Aber er fehlte ihr, seine Klugheit, seine Zurückhaltung vorschnelle Urteile zu fällen, seine Warmherzigkeit, seine Fähigkeit immer beide Seiten der Medaille zu sehen.

Machen die wirklich wichtigen Verbindungen im Leben eigentlich überhaupt jemals Sinn? Lohnt es sich doch zu kämpfen auch wenn es unmöglich erscheint und kompliziert ist?

Wie hieß es noch auf einem dieser Inspirationsbildchen über das yin und yang - Zeichen:
Weiß ist das Gute. Schwarz ist das Schlechte. Der weiße Punkt im Schwarz ist die Körnchen des Guten, das immer auch im Schlechten ist. Der schwarze Punkt im Weiß ist das Körnchen des Schlechten, das immer auch im Guten ist. Alles zusammen ist: das Leben.

Hatte sie ihr Gleichgewicht gefunden?
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